Freitag, 9. Januar 2026

Durch die Nacht mit Wahad

Für die Strecke von Kumasi zum Mole Nationalpark errechnet der Kartendienst der Wahl für die gut 420 Kilometer etwas über sieben Stunden Fahrzeit. Erfahrungsgemäß kommt man dann bei den hiesigen Straßen und Verbindungen bei zehn bis zwölf Stunden raus. Nichts für schwache Nerven. Das ist Afrika. Um acht Uhr morgens solle man unbedingt da sein, in einer halben Stunde ist das anvisierte Fahrzeug mit nur sieben Sitzen im Allgemeinen voll. Der geneigte Leser ahnt es schon, um 12:30 Uhr war die halbe Stunde auch schon rum. Aber nur, weil ich noch für einen zweiten Platz bezahlt habe. Das ist Afrika.
Los geht's, nach etwas über zwei Stunden im zähen Stadtverkehr haben wir die Vororte Kumasis hinter uns gelassen und es werden endlich Meter gemacht. Trotzdem drohen hier erst das Tageslicht und irgendwann dann sogar der Tag selbst auszugehen. Habe ich schon erwähnt, dass ich noch zweimal umsteigen muss? Das ist Afrika. Irgendwann muss ich mich entscheiden: Kurz vor Sonnenuntergang wäre auf halber Strecke ein Zwischenstopp möglich, am nächsten Morgen gäbe es einen Wasserfall zu sehen. Danach könnte ich die Fahrt dann bei Tageslicht fortsetzen. Wenn ich jetzt doch weiterfahre, muss ich an einem Abzweig im nirgendwo Glück haben, dass sich abends noch eine Umstiegsmöglichkeit bietet. Die meisten Leute reisen hier nämlich tagsüber. Egal, weiter geht's.
Nachdem wir fast sieben Stunden mit einem freien Sitz unterwegs gewesen sind, stoppt der Wagen scheinbar grundlos und Wahad steigt zu. Auch er will wie ich zum Abzweig und ist sich sicher, dass ich dort noch einen Anschluss bekomme. Das ist Afrika. Wir steigen aus und tatsächlich steht ein Sammeltaxi bereit. Leer. Ich bin der Erste und wenn ich alle Plätze bezahle, kann es sofort losgehen. Das hatten wir doch vor zwölf Stunden schon mal! Das ist Afrika. Ich lege erst einmal eine Verpflegungspause am Abzweig ein, es sind auch nach Einbruch der Dunkelheit noch zahllose Verkaufsstände besetzt. Das ist Afrika. Nachdem ich fertig mit dem Essen bin, ist das Sammeltaxi inzwischen immer noch leer. In der Zeit bis das voll wird, haben die Chinesen die Große Mauer gebaut. Dann kommt plötzlich ein Auto um die Ecke, was ebenfalls eine kurze Pause einlegt. Der Fahrer kann mich bis in die einzige nennenswerte Stadt auf dem Weg mitnehmen. Dort angekommen, stehen diverse Motorräder bereit, die mich dann bis in den Nationalpark bringen können. Nach 14 Stunden bin ich am Ziel. Das ist Afrika.
Eine Reservierung habe ich nicht, die Rezeption hat schon zu. Am Einlass ruft der Diensthabende die Security an, die die Unterkunft bewacht. Diese wiederum telefoniert dann mit einem Mitarbeiter, der sofort herbeieilt und mich eincheckt. Alles kein Problem. Das ist Afrika.

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Mittwoch, 7. Januar 2026

Staub fressen

Eigentlich wird in Ghana immer irgendwie gewartet. Man wartet darauf, dass der Bus kommt, dass der Bus fertig beladen wird, dass der Bus abfährt, dass der Bus ankommt. Es wird auf das Essen gewartet oder darauf, dass andere Leute zur Verabredung erscheinen. Vielleicht wartet man einfach auch mal auf das nächste Warten. Die Lebenswartezeit muss man hier vermutlich in Dekaden angeben.
Wenn man aber einmal unterwegs ist, dann ist es mit dem Warten vorbei. Ein Abstandsgebot gibt es nicht, dem Vorausfahrenden muss unter allen Umständen auf den Fersen geblieben werden. Das gilt sowohl für Busse als auch für Autos und Motorräder. Und insbesondere auf staubigen Straßen. Dort ist man dann tierisch vom aufgewirbelten Staub genervt, nimmt diese Tatsache aber billigend in Kauf.
Einmal habe ich einen Motorradfahrer gebeten, Abstand zu halten. Siehst Du, besser so, oder? Ja, viel besser. Nur um dann sofort wieder Gas zu geben und den Abstand wieder zuzufahren. Gestern ist der hier Trotro genannte Minibus einer Wagenkolonne hinterhergejagt, die vor uns für schlechte Sicht und dicke Luft gesorgt hat. Unnötig zu sagen, dass die Fenster des Fahrzeugs offen waren. Man hat den Staub vor lauter Staub nicht mehr gesehen. Am Ende hat man Dreck an Stellen, an denen man nicht mal Stellen hat. Bis zum Sprung in den Atlantik werde ich mit Sicherheit Souvenirs aus ganz Ghana mit mir herumtragen. Und Wäsche waschen ist genauso nötig wie überflüssig, die nächste Fahrt kommt bestimmt.

Staubige Straße in Ghana
Habe ich eigentlich alle Fenster zugemacht?

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Dicke Luft
Durch die Nacht mit Wahad
Trockenzeit
Peeling inklusive

Dienstag, 6. Januar 2026

Hohoe United

Was klingt wie der Bundesverband der Nikoläuse, kickt stattdessen tatsächlich als Aufsteiger in Ghanas erster Fußballliga. Dummerweise mit überschaubarem Erfolg, man findet sich nach der Hinrunde auf Platz 17 der Tabelle wieder, aber Platz zehn ist nur drei Punkte entfernt. Leider habe ich das Lokalderby um einen Tag verpasst, wobei so schlimm war das dann doch nicht. Das Spielergebnis war nämlich ein auch in dieser Höhe verdientes 0:0.
Dafür treffe ich die Truppe zwei Tage später vor den Toren der Stadt im schicken Teamhotel. Im sehr schicken Teamhotel. Wer allerdings denkt, dass ich hier residiere, überschätzt meine finanziellen Möglichkeiten. Beziehungsweise die Bereitschaft, diese auf einen Schlag signifikant zu reduzieren. Ich bin jedenfalls nur zu Recherchezwecken hier, trotzdem stellt sich der Coach vor. Das heißt, er springt von seinem Abendessen auf, als ich an seinem Tisch vorbeilaufe. Immer wieder erschreckend, was hier mit entsprechender Hautfarbe so alles möglich ist. Vielleicht ist das aber auch nur PR in eigener Sache, er ist nämlich erst nach dem letzten Spiel interimsweise vom Assistenten zum Hauptübungsleiter befördert worden. Sein Vorgänger ist ob der Ergebnisse einvernehmlich entlassen worden.
Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass im eigentlichen Campus gerade Umbaumaßnahmen stattfinden, so dass man im Moment hier untergekommen ist. Prinzipiell lässt es sich hier leben, finde ich. Allerdings wünschen ein paar zahlende weibliche Gäste ohrenbetäubend laute Musik. Vielleicht auch ein Grund für den aktuellen Tabellenstand? Leider kann ich aber in der momentanen Situation nicht so wirklich weiterhelfen. Die einzigen Fußballer, die ich persönlich kenne, haben vor vielen Jahren mal in der heimischen Kreisklasse gekickt und ein mobiles Videoanalysesystem kann ich leider auch nicht an den Mann bringen. So wird das vermutlich nichts mit dem Klassenerhalt.

Teambus Hohoe United
Der Schlitten vom Weihnachtsmann?

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Aller guten Dinge sind 14
Handgepäck
And the Oscar goes to Brisbane
Lota Schwager, Colo-Colo, Audax Italiano

Sonntag, 4. Januar 2026

Adressermittlung

Dem einen oder anderen Leser wird bei dem Titel ein kalter Schauer den Rücken herunterlaufen - Grüße gehen an der Stelle nach Dresden. Ähnlich kompliziert verhält es sich hier in Afrika. Kaum jemand kann mit Adressen etwas anfangen, das Fachwissen in dem Bereich glänzt viel zu oft durch Abwesenheit. Straßennamen oder gar Hausnummern sind außerhalb der zentralen Viertel von größeren Ortschaften kaum jemandem bekannt. Gerne fragt einen der lokale Zubringer schon mal, ob man denn selbst wisse, wo genau sich das Ziel befindet. Und Rettungsdienste verlieren so im Zweifel jede Menge Zeit.
In Ghana jedenfalls hat in dem Zusammenhang der Begriff GPS-Koordinaten eine ganz neue Bedeutung erlangt. Man hat einfach kurzerhand das ganze Land in 5 Quadratmeter große Stücke aufgeteilt und jedem dieser Stücke eine digitale Adresse zugewiesen. Diese besteht aus der Region, einer Art Postleitzahl und einer eindeutigen Nummer. Zweieinhalb Millionen Dollar hat man dafür 2017 in die Hand genommen. Das kommt mir irgendwie bekannt vor, vor ein paar Jahren wurde mal das sogar global aufgezogene System what3words massiv beworben. Das ist in Ghanas Nachbarland Elfenbeinküste adresstechnisch das offizielle Mittel der Wahl. Ob man sich nun einfacher VC-0001-2676 oder überprüft.fässer.pauschal merken kann, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.
Auf jeden Fall meinen sie es hier ernst mit dem System, schon für die Beantragung eines Ausweises oder meines Visums braucht es eine digitale Adresse. Allerdings ist die Webseite, auf der man die Codes recherchieren kann aktuell offline. Ist das jetzt der Fortschritt, von dem immer alle reden? Wir werden sehen, denn ob das zukünftig eher Teil der Lösung oder Teil des Problems sein wird, muss sich erst noch herausstellen.

GPS-Adresse in Ghana
Das ist doch mal ne Hausnummer!

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Dieser Beitrag kann Spuren von Schule enthalten
Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger als Gay-Lussac
Hurra Hurra die Post ist da
Av. W3 Sul Quadra 704 Bloco M Casa 09

Donnerstag, 1. Januar 2026

Was sonst noch so geschah

Warum das Silvesterfeuerwerk in Accra nur überschaubare Besucherzahlen vorzuweisen hat, ist klar. In Westafrika verbringt man den Jahreswechsel, wenn es irgendwie geht, im Gottesdienst. Die ganze Stadt ist mit Hinweisen auf solche Veranstaltungen zugepflastert. Die größte davon hat im Stadion in Accra stattgefunden. Aus Datenschutzgründen darf ich hier keine Namen nennen, aber geschätzte 60.000 Leute waren da. Zumindest genau um zwölf, schon viele andere haben die Möglichkeit vorher genutzt, die Veranstaltung hat sich über zwei Tage hingezogen. Jeweils von mittags bis spät in die Nacht hinein.
Das alles klingt nach einem mittelgroßen Rockfestival und es gibt tatsächlich verblüffend viele Parallelen: Eine große Bühne, auf der gesungen und getanzt wird. Umjubelte Stars. Großbildleinwände, damit man auch aus einer gewissen Entfernung etwas erkennen kann. Mitklatschen und Hüpfen im Publikum, und die Älteren unter den Lesern erinnern sich vielleicht noch an Vuvuzelas. Es gibt T-Shirts zum Event und vereinzelt zelten Menschen in den Aufgängen. Und die hygienischen Zustände kommen einem leider auch irgendwie bekannt vor.
Ein paar gravierende Unterschiede kann ich aber doch feststellen: Die Veranstaltung kostet keinen Eintritt und die Verpflegung ist bezahlbar. Selbst der VIP-Zugang für die internationale Tribüne wird mir kostenfrei in Aussicht gestellt, ich lehne aber dankend ab. Von wegen vor Gott sind alle gleich. Aber egal, sollte es wirklich einen Gott geben, wird sie von so viel Euphorie sicher begeistert sein.

Gottesdienst im Accra Sports Stadium
Accra Sports Stadium
Silvester um 23:30

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Raus mit Applaus (9)
Das Wort zum Sonntag
Viel hilft viel
Ende gut alles gut

Raus mit Applaus (9)

Diesmal aus Accra, Ghana.

Mit einem Feuerwerk abseits der ganz großen Party, die findet nämlich im Auftrag des Herrn ganz woanders statt.

Silvesterfeuerwerk In Accra, Ghana
Sieht aus wie ein Parkplatz, ist aber der Black Star Square

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Was sonst noch so geschah
Raus mit Applaus (7)
Raus mit Applaus (4)
Raus mit Applaus (3)

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Shoppingerlebnis

Wem in Accra mal nach Gesellschaft ist, dem kann geholfen werden. Genau für solche Fälle empfiehlt sich ein Besuch des Makola Markets, eines der größten Märkte des Landes. Über mehrere Straßenzüge erstreckt sich das Spektakel drinnen wie draußen auf der Straße, auf dem Fußweg und in den Häusern über mehrere Etagen verteilt. Ein endloser Zug an Menschen, Waren und Fahrzeugen quält sich zentimeterweise durch die Straßen, quasi ein Rosenmontagsumzug in heiß und stickig.
Wer vorwärtskommen will, im schlimmsten Fall sogar zielgerichtet, der fühlt sich schnell wie bei einem Laufspielzug in der National Football League. Sobald sich auch nur die kleinste Lücke ergibt, gilt es diese sofort zu nutzen. Ansonsten drängelt sich jemand vor und jemand sind in dem Fall dann ungefähr 50 Leute. Zögern ist keine Option, am besten schwimmt man einfach mit der Menge mit. Einmal werde ich falsch abgebogen, wie zu Christoph Kolumbus' Zeiten finde ich dank des Sonnenstandes die Orientierung aber doch wieder. Wie man hier allen Ernstes Fahrzeuge auf die Menge loslassen kann, ist mir unbegreiflich. Das Wort Schritttempo ist hier definitiv falsch, wahrscheinlich geht es manchmal allein aufgrund der Plattentektonik voran. Und nein, entgegen anderslautender Meinungen hilft Hupen nicht. Kein bisschen. Es herrscht ein einziger Brei an Geräuschen in mehr als ausreichender Lautstärke.
Ich beobachte drei Touristinnen dabei, wie sie tatsächlich nach einem Shoppingerlebnis trachten und versuchen, sich länger an einem Schuhverkaufsstand festzuhalten. Keine Chance, sie geben auf und werden Richtung Kühlschränke weitergetrieben. Irgendwann keimt in mir der Wunsch auf, den Schauplatz zu verlassen. Da mir die Richtung im Zweifel völlig egal ist, folge ich einfach einer der Trägerinnen. Diese sind im Schnitt einen Kopf kleiner als ich und tragen auf ihren Kopf in der Regel ein Holzbrett, welches allein mir vermutlich schon zu schwer wäre. Weil aber hier niemand einfach nur Holzbretter kauft, sind darauf dann die eigentlichen Einkäufe gestapelt. Unmengen von Einkäufen. Da sie diese sicher schnellstmöglich zum Ausgangsort des Abtransports befördern will, hefte ich mich einfach an ihre Fersen. Und tatsächlich, es geht um ein paar Ecken, über enge Wege, unter ein paar Unterständen hindurch schnurstracks zu einem der Ausgänge. Den hätte ich alleine ohne größeren Zeitverlust niemals gefunden - da können sich die Casinos in Las Vegas noch eine Scheibe abschneiden.

Markola Market in Accra, Ghana
Die Innenansicht ...

Markola Market in Accra, Ghana
... und die Draufsicht mit subtilem Hinweis auf alternative Arbeitsmöglichkeiten.

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Mall was anderes
Der Supermarkt Südamerikas
Gähnende Leere
Genießen Sie die Fahrt in vollen Zügen!