Sonntag, 18. Januar 2026

Heiße Schokolade

Mit der Schokolade verhält es sich in der hiesigen Klimazone wie mit Biogemüse bei Homer Simpson: Wenn man sie an der Kasse des Supermarktes scannt, ist es eigentlich schon zu spät. Unabhängig von eventuell gegebenen Werbeversprechen schmilzt sie weder in der Hand noch im Mund, sondern noch in ihrer Verpackung und zwar sofort.
Den meisten Locals ist das egal, denn selbst Kakaobauern haben in der Regel keine Ahnung, wie Schokolade schmeckt. Wie so häufig liefert Afrika die Rohstoffe, veredelt, verdient und verkonsumiert wird woanders. In Togo hat sich vor ein paar Jahren eine Firma gegründet, die das ändern will. Damit das klappt, muss das braune Gold afrikatauglich gemacht werden. Handelsübliche Schokolade sollte außer im Mund nie mit Temperaturen von über 30° C in Berührung kommen, da sie sonst anfängt sich zu verflüssigen. Hier in Westafrika befinden wir uns aber in einer Gegend, in der es nie nie 30° C hat. Für dieses Problem gibt es aber eine ganz einfache Lösung: Geschmacksverstärker und Emulgatoren lassen wir besser weg, somit verflüssigt sich die Leckerei erst bei etwas über 35° C. Das geht auf Kosten von Hochglanz und einer ausufernden Zutatenliste, ermöglicht aber Verkauf und Transport vor Ort.
In Lomé habe ich mal einen Testlauf gewagt und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Nach dem Einkauf bin ich damit bei 31° C noch über eine Stunde durch die Stadt gelaufen. Und was soll ich sagen, es funktioniert natürlich. Weder habe ich zum Verzehr einen Strohhalm benötigt, noch habe ich danach meinen Rucksack ausspülen müssen. Außerdem stellt die Firma übrigens auch noch andere Produkte unter Verwendung von Kakao her, unter anderem Heiße Schokolade. Aber das ist für mich hier wirklich keine Option.

Schokolade von ChocTogo
Schmilzt erst im Mund

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Freitag, 16. Januar 2026

Togo or not to go

Rückblende: Mitte November, ich bin noch zuhause. Es geht nach Westafrika, es geht um Visa. Ghana gilt als kompliziert, unzählige Informationen werden abgefragt, vor allem aber, weil die Kollegen in der Botschaft den Pass im Original benötigen. Diesen dorthin zu bekommen geht natürlich nur per Post oder per sönlich, was also schon allein deshalb maximal unschön ist. Am Ende habe ich aber das Reisedokument samt Aufkleber wohlbehalten zurückbekommen.
Das Visum für Togo gilt eigentlich als einfacher, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Alles geht online zu erledigen, die Webseite lässt sich ins Franglische, das heißt vom Französischen zumindest mal zur Hälfte ins Englische übersetzen. Gutes Personal ist schwer zu bekommen. Egal, irgendwie manövriert man sich durch, füllt alle Pflichtfelder in englischer Sprache aus. Man macht die obligatorische, natürlich stornierbare Reservierung in einem viel zu teuren Hotel, lädt Kopien von Impf- und Reisepass hoch und drückt auf Beantragen. Beinahe postwendend kommt eine E-Mail mit der Info, dass das so nicht geht, weil die Angaben zur Unterkunft und die eingegebene Berufsbezeichnung falsch sind. Außerdem fehlt die Angabe in einem optionalen Feld. Für eine Diskussion über die Bedeutung des Wortes optional ist mein Französisch nicht ausreichend, aber inhaltlich kann ich weiterhelfen.
OK, zweiter Versuch: Optionale Angabe gemacht, eine geringfügig umformulierte Berufsbezeichnung und statt der deutschsprachigen eine englische Bestätigung hochgeladen. Jetzt aber ... dann doch noch nicht, das Ergebnis bleibt dasselbe. Die Reservierung ist noch nicht storniert und einen Jobwechsel bekomme ich in der Kürze der Zeit wahrscheinlich auch nicht sauber über die Bühne. Auf der Webseite wird eine Chatfunktion angeboten, ich werde auch sofort begrüßt. Meine Vorgangsnummer und mein Problem gebe ich an und es passiert ... nichts.
Ich will mal nicht so sein und übersetze in einem letzten Versuch meine Jobbezeichnung ins Französische und lade die Bestätigung in französischer Sprache hoch. Kurz darauf ändert sich der Status des Antrags auf der Webseite in die richtige Richtung. Dann erhalte ich noch zwei Mails. Zuerst eine mit meinem Visum und etwas später eine von meinem Chatpartner, der mir mitteilt, dass ich die Jobbezeichnung und die Buchungsbestätigung angeben muss. Das schiebe ich auf entweder einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum oder die etwas spezielle Arbeitsweise in afrikanischen Behörden.
Schnitt, ungefähr acht Wochen später. Ich sitze in Lomé, Togo und schreibe diesen Text.

Willkommen in Togo
Also doch!

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Mr. Robert Hareland

Donnerstag, 15. Januar 2026

Das machen wir doch mit rechts

Abendessen im Halbdunkel, es gibt Banku - Klöße aus Mais- und Maniokmehl, dazu Soße und ein paar Teile eines Perlhuhns. Auf dem Tisch finden sich außerdem ein Getränk, eine Schüssel, eine Kanne mit Wasser und Flüssigseife. Auf den ersten Blick vermissen erfahrene Abendesser vielleicht das Besteck, auf den zweiten auch. Ich möchte lösen: Banku isst man mit der Hand. Die Mahlzeit will also verdient werden.
Das Händewaschen erfolgt an Ort und Stelle. Zuerst gießt man mit der linken Hand Wasser über die rechte, welche sich dann quasi selbst wäscht. Wie heißt es so schön: Wo Deine Hände gewesen sind weißt Du selbst - wo das Besteck war, nicht. Die Hände wäschst Du selbst, das Besteck nicht. Danach ist es ein bisschen wie beim Autofahren mit Automatik: Links hat Pause. Die linke Hand gilt als unrein und kommt hier öfter bei Geschäften zum Einsatz, die weit nach der Mahlzeit mit dieser zu tun haben. Die rechte Hand nimmt ein wenig vom Kloß, und stellt als erstes fest, dass der Teig noch ziemlich heiß ist. Sehr heiß sogar - also leider nichts gewonnen, kurze Zeit später gleich nochmal probieren. Man formt die Beute zu einer Art Löffel und sammelt damit die Soße ein. Oder tunkt das Teil einfach in die Soße. Zwischendurch angelt man sich ein Stück Fleisch und nagt die Knochen ab. Wenn das Essen dann verinnerlicht ist, folgt natürlich nochmal Händewaschen und fertig.
Wie überall im Leben gilt auch hier: Übung macht den Meister. Auch in diesem Fall klappt es beim zweiten Mal schon viel besser, außerdem liefern Locals jede Menge Anschauungsunterricht. Aber egal wie, Hauptsache es schmeckt am Ende. Und die größte Herausforderung war für mich tatsächlich, sich mit einer Hand die Hand zu waschen.

Banku auf dem Tisch
Handspiel wird nicht bestraft


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In zwölf Speisen um die Welt

Dienstag, 13. Januar 2026

Gestorben wird immer

Das passiert den Besten. Aber irgendwie hat man Ghana einen anderen Umgang mit dem Tod gefunden als in heimischen Gefilden. Statt einer leicht mal zu übersehenden Anzeige im Blatt des Vertrauens wird hier einfach ein Aushang gemacht. Riesengroß am Haus des Toten, versehen mit Konterfei, einem mehr oder weniger ausführlichem Text mit allen wesentlichen Verdiensten und natürlich einer Altersangabe. Bei der Beerdigung steht dann wohl eher das Feiern des gelebten Lebens im Vordergrund als die Trauer. Ein je nach Anhängerschaft schon mal recht ansehnlicher Umzug blockiert dann auch gerne mal die Hauptstraßen.
Am interessantesten ist aber ein Brauch, den eine bestimmte Volksgruppe hier entwickelt hat. Wer es sich leisten kann, lässt für sich bzw. für seinen Angehörigen einen maßgefertigten Sarg herstellen. Dieser ist ganz individuell nach Tätigkeit oder Interessen des Verstorbenen gestaltet und knallbunt bemalt. Eine Flugzeugform für einen Piloten, ein Fisch für - Überraschung - einen Fischer oder eine Paprika für einen Gemüsehändler. Auch eine Colaflasche und ein Geldbündel habe ich beim Besuch eines Herstellers bestaunen können. Mittendrin findet sich schließlich auch ein ganz normaler Sarg, vielleicht für einen Sargbauer? Ein Sportwagen könnte zur Abwechslung mal ein Hinweis auf die Todesursache sein. So oder so macht man sich stilvoll auf den Weg ins nächste Leben.
Ein Sarg ist eigentlich nichts für mich, aber das hat zugegebenermaßen was. Diese Tradition hat es inzwischen zu einer gewissen Berühmtheit geschafft, aktuell beschäftigt sich eine Ausstellung in Accra damit. Einzelne Exemplare wurden sogar schon im British Museum in London ausgestellt. Hoffentlich aber ohne dass in Ghana jemand dringend darauf gewartet hat. Denn schon allein die Herstellung dauert drei bis fünf Wochen. Gut Sarg will Weile haben.

Speziell angefertigter Sarg in Accra, Ghana
Das wäre dann mein Modell

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Montag, 12. Januar 2026

Dicke Luft

Hier in Ghana gibt es neben der Trocken- und der Regenzeit noch eine dritte Jahreszeit: Harmattan. Benannt nach dem Wind, der jährlich Milliarden Tonnen Sandstaub aus der Sahara nach Süden delegiert. Etwas mehr als die Hälfte davon muss heute in Tamale gelandet sein.
Die Sichtweite ist bestenfalls überschaubar, das Einatmen sollte nur im absoluten Notfall stattfinden. Bei Ungeübten fängt der Hals nach kurzer Zeit an zu kratzen, Atemmasken sind wieder in Mode. Die pechschwarzen Auspuffwolken der 50 Jahre alten Trucks auf der Autobahn heben sich kaum noch vom Hintergrund ab. Trotzdem wird weiter unverdrossen frisch Gegrilltes am Straßenrand verkauft, zumindest soweit ich das erkennen kann.
Bevor hier die Stimmung kippt, ist es Zeit für mich, zur Küste zurückzufliegen. Die Luft ist nichts für die mitgebrachte Technik und auch nichts für die mitgebrachte Lunge. Immerhin ist der Flug nicht abgesagt worden, auch das kommt hier aufgrund einer solchen Lage gerne mal vor. Unmittelbar nach dem Start verschwindet aber auch wirklich alles unter uns in einer tiefbraunen Wolke. Selten hat die Bemerkung sich aus dem Staub machen besser gepasst.

Harmattan über Westafrika
Tamale (unten Mitte)

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Red Clay, Tamale, Ghana.

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Samstag, 10. Januar 2026

Der Elefant im Raum

Ich habe einen außerordentlich erfolgreichen Tag im Nationalpark hinter mich gebracht. Mehrfach habe ich mich Elefanten zu Fuß bis auf 20 Meter annähern können und sie bei anderer Gelegenheit sogar beim Baden in einem Wasserloch beobachten können.
Nach einem solchen Tag hat man sich natürlich ein kühles Getränk oder einen Besuch des Pools der Unterkunft verdient. Scheinbar denken auch die Hauptdarsteller so.

Elefant am Pool des Mole Motels im Mole Nationalpark
Badehose vergessen

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Stau