Sonntag, 18. Januar 2026

Heiße Schokolade

Mit der Schokolade verhält es sich in der hiesigen Klimazone wie mit Biogemüse bei Homer Simpson: Wenn man sie an der Kasse des Supermarktes scannt, ist es eigentlich schon zu spät. Unabhängig von eventuell gegebenen Werbeversprechen schmilzt sie weder in der Hand noch im Mund, sondern noch in ihrer Verpackung und zwar sofort.
Den meisten Locals ist das egal, denn selbst Kakaobauern haben in der Regel keine Ahnung, wie Schokolade schmeckt. Wie so häufig liefert Afrika die Rohstoffe, veredelt, verdient und verkonsumiert wird woanders. In Togo hat sich vor ein paar Jahren eine Firma gegründet, die das ändern will. Damit das klappt, muss das braune Gold afrikatauglich gemacht werden. Handelsübliche Schokolade sollte außer im Mund nie mit Temperaturen von über 30° C in Berührung kommen, da sie sonst anfängt sich zu verflüssigen. Hier in Westafrika befinden wir uns aber in einer Gegend, in der es nie nie über 30° C hat. Für dieses Problem gibt es aber eine ganz einfache Lösung: Geschmacksverstärker und Emulgatoren lassen wir besser weg, somit verflüssigt sich die Leckerei erst bei etwas über 35° C. Das geht auf Kosten von Hochglanz und einer ausufernden Zutatenliste, ermöglicht dafür aber Verkauf und Transport vor Ort.
In Lomé habe ich mal einen Testlauf gewagt und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Nach dem Einkauf bin ich mit der Süßigkeit im Gepäck bei Sonnenschein noch über eine Stunde durch die Stadt gelaufen. Und was soll ich sagen, es funktioniert tatsächlich. Weder habe ich zum Verzehr einen Strohhalm benötigt, noch habe ich danach meinen Rucksack ausspülen müssen. Außerdem stellt die Firma übrigens auch noch weitere Produkte unter Verwendung von Kakao her, unter anderem Heiße Schokolade. Aber das ist für mich hier wirklich keine Option.

Schokolade von ChocTogo
Schmilzt erst im Mund

WEITERLESEN
Eisbärbier
Sierra Leones Nationalgetränk
Markenware zum kleinen Preis
Tradition verpflichtet

Freitag, 16. Januar 2026

Togo or not to go

Rückblende: Mitte November, ich bin noch zuhause. Es geht nach Westafrika, es geht um Visa. Ghana gilt als kompliziert, unzählige Informationen werden abgefragt, vor allem aber, weil die Kollegen in der Botschaft den Pass im Original benötigen. Diesen dorthin zu bekommen geht natürlich nur per Post oder per sönlich, was also schon allein deshalb maximal unschön ist. Am Ende aber habe ich das Reisedokument samt Aufkleber wohlbehalten zurückbekommen.
Das Visum für Togo gilt eigentlich als einfacher, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Alles geht online zu erledigen, die Webseite lässt sich ins Franglische, das heißt vom Französischen zumindest mal zur Hälfte ins Englische übersetzen. Gutes Personal ist schwer zu bekommen. Egal, irgendwie manövriert man sich durch, füllt alle Pflichtfelder in englischer Sprache aus. Man macht die obligatorische, natürlich stornierbare Reservierung in einem viel zu teuren Hotel, lädt Kopien von Impf- und Reisepass hoch und drückt auf Beantragen. Beinahe postwendend kommt eine E-Mail mit der Info, dass das so nicht geht, weil die Angaben zur Unterkunft und die eingegebene Berufsbezeichnung falsch sind. Außerdem fehlt die Angabe in einem optionalen Feld. Für eine Diskussion über die Bedeutung des Wortes optional ist mein Französisch nicht ausreichend, aber inhaltlich kann ich an der Stelle weiterhelfen.
OK, zweiter Versuch: Optionale Angabe gemacht, eine geringfügig umformulierte Berufsbezeichnung eingegeben und statt der deutschsprachigen eine englische Bestätigung hochgeladen. Jetzt aber ... dann doch noch nicht, das Ergebnis bleibt dasselbe. Die Reservierung ist noch nicht storniert und einen Jobwechsel bekomme ich in der Kürze der Zeit wahrscheinlich auch nicht sauber über die Bühne. Auf der Webseite wird eine Chatfunktion angeboten, ich werde auch sofort begrüßt. Meine Vorgangsnummer und mein Problem gebe ich an und es passiert ... nichts.
Ich will mal nicht so sein und übersetze in einem letzten Versuch meine Jobbezeichnung ins Französische und lade die Bestätigung in französischer Sprache hoch. Kurz darauf ändert sich der Status des Antrags auf der Webseite in die richtige Richtung. Dann erhalte ich noch zwei Mails. Zuerst eine mit meinem Visum und etwas später eine von meinem Chatpartner, der mir mitteilt, dass ich die Jobbezeichnung und die Buchungsbestätigung angeben muss. Das schiebe ich auf entweder einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum oder aber die etwas spezielle Arbeitsweise in afrikanischen Behörden.
Schnitt, ungefähr acht Wochen später. Ich sitze in Lomé, Togo und schreibe diesen Text.

Willkommen in Togo
Also doch!

WEITERLESEN
Die Sache mit dem Visum
Zufallsgenerator
In zehn Schritten zum Ziel
Fehlpass

Donnerstag, 15. Januar 2026

Das machen wir doch mit rechts

Abendessen im Halbdunkel, es gibt Banku - Klöße aus Mais- und Maniokmehl, dazu Soße und ein paar Teile eines Perlhuhns. Auf dem Tisch finden sich außerdem ein Getränk, eine Schüssel, eine Kanne mit Wasser und Flüssigseife. Auf den ersten Blick vermissen erfahrene Abendesser vielleicht das Besteck, auf den zweiten auch. Ich möchte lösen: Banku isst man mit der Hand. Die Mahlzeit will also verdient werden.
Das Händewaschen erfolgt an Ort und Stelle. Zuerst gießt man mit der linken Hand Wasser über die rechte, welche sich dann quasi selbst wäscht. Wie heißt es so schön: Wo Deine Hände gewesen sind weißt Du selbst - wo das Besteck war, nicht. Und die Hände wäschst Du im Gegensatz zum Besteck selbst. Danach ist es ein bisschen wie beim Autofahren mit Automatik: Links hat Pause. Die linke Hand gilt als unrein und kommt hier öfter bei Geschäften zum Einsatz, die erst weit nach der Mahlzeit noch mit dieser zu tun haben. Die rechte Hand nimmt ein wenig vom Kloß, und stellt als erstes fest, dass der Teig noch ziemlich heiß ist. Sehr heiß sogar - also leider nichts gewonnen, kurze Zeit später gleich nochmal probieren. Man formt die Beute zu einer Art Löffel und sammelt damit die Soße ein. Oder tunkt das Teil einfach in die Soße. Zwischendurch angelt man sich ein Stück Fleisch und nagt die Knochen ab. Wenn das Essen dann verinnerlicht ist, folgt natürlich nochmal Händewaschen und fertig.
Wie überall im Leben gilt auch hier: Übung macht den Meister. Auch in diesem Fall klappt es beim zweiten Mal schon viel besser, außerdem liefern Locals jede Menge Anschauungsunterricht. Aber egal wie, Hauptsache es schmeckt am Ende. Und die größte Herausforderung war für mich tatsächlich, mir mit einer Hand die Hand zu waschen.

Banku auf dem Tisch
Handspiel wird nicht bestraft


WEITERLESEN
Ziegenohren
Kein Kampf
In zwölf Speisen um die Welt
Überlebensfähig

Dienstag, 13. Januar 2026

Gestorben wird immer

Das passiert den Besten. Aber irgendwie hat man in Ghana einen anderen Umgang mit dem Tod gefunden, als in heimischen Gefilden. Statt einer leicht mal zu übersehenden Anzeige im Blatt des Vertrauens wird hier einfach ein Aushang gemacht. Riesengroß am Haus des Toten, versehen mit Konterfei, einem mehr oder weniger ausführlichem Text mit allen wesentlichen Verdiensten und natürlich einer Altersangabe. Bei der Beerdigung steht dann eher das Feiern des gelebten Lebens als die Trauer im Vordergrund. Ein je nach Anhängerschaft schon mal recht ansehnlicher Umzug zum Friedhof blockiert auch gerne mal die Hauptstraßen.
Am interessantesten ist aber ein Brauch, den eine bestimmte Volksgruppe hier entwickelt hat. Wer es sich leisten kann, lässt für sich bzw. für seinen Angehörigen einen maßgefertigten Sarg herstellen. Dieser ist ganz individuell nach Tätigkeit oder Interessen des Verstorbenen gestaltet und knallbunt bemalt. Eine Flugzeugform für einen Piloten, ein Fisch für - Überraschung - einen Fischer oder eine Paprika für einen Gemüsehändler. Auch eine Colaflasche und ein Geldbündel habe ich beim Besuch eines Herstellers bestaunen können. Mittendrin findet sich schließlich auch ein ganz normaler Sarg, vielleicht für einen Sargbauer? Ein Sportwagen könnte hingegen zur Abwechslung mal ein Hinweis auf die Todesursache sein. So oder so macht man sich stilvoll auf den Weg ins nächste Leben.
Ein Sarg ist eigentlich nichts für mich, aber das hat zugegebenermaßen was. Diese Tradition hat es inzwischen zu einer gewissen Berühmtheit geschafft, aktuell beschäftigt sich eine Ausstellung in Accra damit. Einzelne Exemplare wurden sogar schon im British Museum in London ausgestellt. Hoffentlich aber ohne dass in Ghana jemand dringend darauf gewartet hat. Denn schon allein die Herstellung dauert drei bis fünf Wochen. Gut Sarg will Weile haben.

Speziell angefertigter Sarg in Accra, Ghana
Das wäre dann mein Modell

WEITERLESEN
Friedhof unter Wasser
Im Urlaub nimmt man sich die Zeit
Mal so richtig abhängen
Die Welt ist ein Dorf

Montag, 12. Januar 2026

Dicke Luft

Hier in Ghana gibt es neben der Trocken- und der Regenzeit noch eine dritte Jahreszeit: Harmattan. Benannt nach dem Wind, der jährlich Milliarden Tonnen Sandstaub aus der Sahara nach Süden delegiert. Etwas mehr als die Hälfte davon muss heute hier in Tamale gelandet sein.
Die Sichtweite ist bestenfalls überschaubar, das Einatmen sollte nur im absoluten Notfall erfolgen. Bei Ungeübten fängt der Hals nach kurzer Zeit an zu kratzen, Atemmasken sind wieder in Mode. Die pechschwarzen Auspuffwolken der 50 Jahre alten Trucks heben sich kaum noch vom Hintergrund ab. Trotzdem wird weiter unverdrossen frisch Gegrilltes am Straßenrand verkauft, zumindest soweit ich das erkennen kann.
Bevor hier die Stimmung kippt, ist es Zeit für mich, zur Küste zurückzufliegen. Die Luft ist nichts für die mitgebrachte Technik und auch nichts für die mitgebrachte Lunge. Immerhin ist der Flug nicht abgesagt worden, auch das kommt hier aufgrund einer solchen Wetterlage gerne mal vor. Unmittelbar nach dem Start verschwindet aber auch wirklich alles unter uns in einer tiefbraunen Wolke. Selten hat die Bemerkung sich aus dem Staub machen besser gepasst als in diesem Fall.

Harmattan über Westafrika
Tamale (unten Mitte)

WEITERLESEN
Staub fressen
Trockenzeit
Blindflug
Luftkurort Peking

Schatten der Vergangenheit (13)

Red Clay, Tamale, Ghana.

VEB Waggonbau Bautzen
Früher mal in Ghana unterwegs

VEB Waggonbau Bautzen
Früher mal in Ghana unterwegs

WEITERLESEN
Schatten der Vergangenheit (11)
Schatten der Vergangenheit (8)
Reisebericht Indian Pacific - Auch schön, wenn mal jemand anderes fährt
Schatten der Vergangenheit (2)

Samstag, 10. Januar 2026

Der Elefant im Raum

Ich habe einen außerordentlich erfolgreichen Tag im Nationalpark hinter mich gebracht. Mehrfach habe ich mich Elefanten zu Fuß bis auf ungefähr 20 Meter annähern können und sie bei anderer Gelegenheit sogar beim Baden in einem Wasserloch beobachten können.
Nach einem solchen Tag hat man sich natürlich ein kühles Getränk oder einen Besuch des Pools der Unterkunft verdient. Scheinbar denken auch die Hauptdarsteller so.

Elefant am Pool des Mole Motels im Mole Nationalpark
Badehose vergessen

WEITERLESEN
Im freien Fall
Verwandtschaft zu Besuch
Augen auf im Straßenverkehr
Stau

Freitag, 9. Januar 2026

Durch die Nacht mit Wahad

Für die Strecke von Kumasi zum Mole Nationalpark errechnet der Kartendienst der Wahl für die gut 420 Kilometer etwas über sieben Stunden Fahrzeit. Erfahrungsgemäß kommt man dann bei den hiesigen Straßen und Verbindungen bei zehn bis zwölf Stunden raus. Nichts für schwache Nerven. Das ist Afrika. Um acht Uhr morgens solle man unbedingt da sein, in einer halben Stunde ist das anvisierte Fahrzeug mit nur sieben Sitzen im Allgemeinen voll. Der geneigte Leser ahnt es schon, um 12:30 Uhr war die halbe Stunde auch schon rum. Aber nur, weil ich noch für einen zweiten Platz bezahlt habe. Das ist Afrika.
Los geht's, nach etwas über zwei Stunden im zähen Stadtverkehr haben wir die Vororte Kumasis hinter uns gelassen und es werden endlich Meter gemacht. Trotzdem drohen hier erst das Tageslicht und irgendwann dann sogar der Tag selbst auszugehen. Habe ich schon erwähnt, dass ich noch zweimal umsteigen muss? Das ist Afrika. Irgendwann muss ich mich entscheiden: Kurz vor Sonnenuntergang wäre auf halber Strecke ein Zwischenstopp möglich, am nächsten Morgen gäbe es einen Wasserfall zu sehen. Danach könnte ich die Fahrt dann bei Tageslicht fortsetzen. Wenn ich jetzt doch weiterfahre, muss ich an einem Abzweig im nirgendwo Glück haben, dass sich abends noch eine Umstiegsmöglichkeit bietet. Die meisten Leute reisen hier nämlich tagsüber. Egal, weiter geht's.
Nachdem wir fast sieben Stunden mit einem freien Sitz unterwegs gewesen sind, stoppt der Wagen scheinbar grundlos und Wahad steigt zu. Auch er will wie ich zum Abzweig und ist sich sicher, dass ich dort noch einen Anschluss bekomme. Das ist Afrika. Wir steigen aus und tatsächlich steht ein Sammeltaxi bereit. Leer. Ich bin der Erste und wenn ich alle Plätze bezahle, kann es sofort losgehen. Das hatten wir doch vor zwölf Stunden schon mal! Das ist Afrika. Ich lege erst einmal eine Verpflegungspause am Abzweig ein, es sind auch nach Einbruch der Dunkelheit noch zahllose Verkaufsstände besetzt. Das ist Afrika. Nachdem ich fertig mit dem Essen bin, ist das Sammeltaxi inzwischen immer noch leer. In der Zeit bis das voll wird, haben die Chinesen die Große Mauer gebaut. Dann kommt plötzlich ein Auto um die Ecke, was ebenfalls eine kurze Pause einlegt. Der Fahrer kann mich bis in die einzige nennenswerte Stadt auf dem Weg mitnehmen. Dort angekommen, stehen diverse Motorräder bereit, die mich dann bis in den Nationalpark bringen können. Nach 14 Stunden bin ich am Ziel. Das ist Afrika.
Eine Reservierung habe ich nicht, die Rezeption hat schon zu. Am Einlass ruft der Diensthabende die Security an, die die Unterkunft bewacht. Diese wiederum telefoniert dann mit einem Mitarbeiter, der sofort herbeieilt und mich eincheckt. Alles kein Problem. Das ist Afrika.

WEITERLESEN
Sehen und gesehen werden
Bewirb Dich jetzt!
Königsetappe
Daumen hoch

Mittwoch, 7. Januar 2026

Staub fressen

Eigentlich wird in Ghana immer irgendwie gewartet. Man wartet darauf, dass der Bus kommt, dass der Bus fertig beladen wird, dass der Bus abfährt, dass der Bus ankommt. Es wird auf das Essen gewartet oder darauf, dass andere Leute zur Verabredung erscheinen. Vielleicht wartet man einfach auch mal auf das nächste Warten. Die Lebenswartezeit muss man hier vermutlich in Dekaden angeben.
Wenn man aber einmal unterwegs ist, dann ist es mit dem Warten vorbei. Ein Abstandsgebot gibt es nicht, dem Vorausfahrenden muss unter allen Umständen auf den Fersen geblieben werden. Das gilt sowohl für Busse als auch für Autos und Motorräder. Und insbesondere auf staubigen Straßen. Dort ist man dann tierisch vom aufgewirbelten Staub genervt, nimmt diese Tatsache aber billigend in Kauf.
Einmal habe ich einen Motorradfahrer gebeten, Abstand zu halten. Siehst Du, besser so, oder? Ja, viel besser. Nur um dann sofort wieder Gas zu geben und den Abstand wieder zuzufahren. Gestern ist der hier Trotro genannte Minibus einer Wagenkolonne hinterhergejagt, die vor uns für schlechte Sicht und dicke Luft gesorgt hat. Unnötig zu sagen, dass die Fenster des Fahrzeugs offen waren. Man hat den Staub vor lauter Staub nicht mehr gesehen. Am Ende hat man Dreck an Stellen, an denen man nicht mal Stellen hat. Bis zum Sprung in den Atlantik werde ich mit Sicherheit Souvenirs aus ganz Ghana mit mir herumtragen. Und Wäsche waschen ist genauso nötig wie überflüssig, die nächste Fahrt kommt bestimmt.

Staubige Straße in Ghana
Habe ich eigentlich alle Fenster zugemacht?

WEITERLESEN
Dicke Luft
Durch die Nacht mit Wahad
Trockenzeit
Peeling inklusive

Dienstag, 6. Januar 2026

Hohoe United

Was klingt wie der Bundesverband der Nikoläuse, kickt stattdessen tatsächlich als Aufsteiger in Ghanas erster Fußballliga. Dummerweise mit überschaubarem Erfolg, man findet sich nach der Hinrunde auf Platz 17 der Tabelle wieder, aber Platz zehn ist nur drei Punkte entfernt. Leider habe ich das Lokalderby um einen Tag verpasst, wobei so schlimm war das dann doch nicht. Das Spielergebnis war nämlich ein auch in dieser Höhe verdientes 0:0.
Dafür treffe ich die Truppe zwei Tage später vor den Toren der Stadt im schicken Teamhotel. Im sehr schicken Teamhotel. Wer allerdings denkt, dass ich hier residiere, überschätzt meine finanziellen Möglichkeiten. Beziehungsweise die Bereitschaft, diese auf einen Schlag signifikant zu reduzieren. Ich bin jedenfalls nur zu Recherchezwecken hier, trotzdem stellt sich der Coach vor. Das heißt, er springt von seinem Abendessen auf, als ich an seinem Tisch vorbeilaufe. Immer wieder erschreckend, was hier mit entsprechender Hautfarbe so alles möglich ist. Vielleicht ist das aber auch nur PR in eigener Sache, er ist nämlich erst nach dem letzten Spiel interimsweise vom Assistenten zum Hauptübungsleiter befördert worden. Sein Vorgänger ist ob der Ergebnisse einvernehmlich entlassen worden.
Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass im eigentlichen Campus gerade Umbaumaßnahmen stattfinden, so dass man im Moment hier untergekommen ist. Prinzipiell lässt es sich hier leben, finde ich. Allerdings wünschen ein paar zahlende weibliche Gäste ohrenbetäubend laute Musik. Vielleicht auch ein Grund für den aktuellen Tabellenstand? Leider kann ich aber in der momentanen Situation nicht so wirklich weiterhelfen. Die einzigen Fußballer, die ich persönlich kenne, haben vor vielen Jahren mal in der heimischen Kreisklasse gekickt und ein mobiles Videoanalysesystem kann ich leider auch nicht an den Mann bringen. So wird das vermutlich nichts mit dem Klassenerhalt.

Teambus Hohoe United
Der Schlitten vom Weihnachtsmann?

WEITERLESEN
Aller guten Dinge sind 14
Handgepäck
And the Oscar goes to Brisbane
Lota Schwager, Colo-Colo, Audax Italiano

Sonntag, 4. Januar 2026

Adressermittlung

Dem einen oder anderen Leser wird bei dem Titel ein kalter Schauer den Rücken herunterlaufen - Grüße gehen an der Stelle nach Dresden. Ähnlich kompliziert verhält es sich hier in Afrika. Kaum jemand kann mit Adressen etwas anfangen, das Fachwissen in dem Bereich glänzt viel zu oft durch Abwesenheit. Straßennamen oder gar Hausnummern sind außerhalb der zentralen Viertel von größeren Ortschaften kaum jemandem bekannt. Gerne fragt einen der lokale Zubringer schon mal, ob man denn selbst wisse, wo genau sich das Ziel befindet. Und Rettungsdienste verlieren so im Zweifel jede Menge Zeit.
In Ghana jedenfalls hat in dem Zusammenhang der Begriff GPS-Koordinaten eine ganz neue Bedeutung erlangt. Man hat einfach kurzerhand das ganze Land in 5 Quadratmeter große Stücke aufgeteilt und jedem dieser Stücke eine digitale Adresse zugewiesen. Diese besteht aus der Region, einer Art Postleitzahl und einer eindeutigen Nummer. Zweieinhalb Millionen Dollar hat man dafür 2017 in die Hand genommen. Das kommt mir irgendwie bekannt vor, vor ein paar Jahren wurde mal das sogar global aufgezogene System what3words massiv beworben. Das ist in Ghanas Nachbarland Elfenbeinküste adresstechnisch das offizielle Mittel der Wahl. Ob man sich nun einfacher VC-0001-2676 oder überprüft.fässer.pauschal merken kann, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.
Auf jeden Fall meinen sie es hier ernst mit dem System, schon für die Beantragung eines Ausweises oder meines Visums braucht es eine digitale Adresse. Allerdings ist die Webseite, auf der man die Codes recherchieren kann aktuell offline. Ist das jetzt der Fortschritt, von dem immer alle reden? Wir werden sehen, denn ob das zukünftig eher Teil der Lösung oder Teil des Problems sein wird, muss sich erst noch herausstellen.

GPS-Adresse in Ghana
Das ist doch mal ne Hausnummer!

WEITERLESEN
Dieser Beitrag kann Spuren von Schule enthalten
Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger als Gay-Lussac
Hurra Hurra die Post ist da
Av. W3 Sul Quadra 704 Bloco M Casa 09

Donnerstag, 1. Januar 2026

Was sonst noch so geschah

Warum das Silvesterfeuerwerk in Accra nur überschaubare Besucherzahlen vorzuweisen hat, ist klar. In Westafrika verbringt man den Jahreswechsel, wenn es irgendwie geht, im Gottesdienst. Die ganze Stadt ist mit Hinweisen auf solche Veranstaltungen zugepflastert. Die größte davon hat im Stadion in Accra stattgefunden. Aus Datenschutzgründen darf ich hier keine Namen nennen, aber geschätzte 60.000 Leute waren da. Zumindest genau um zwölf, schon viele andere haben die Möglichkeit vorher genutzt, die Veranstaltung hat sich über zwei Tage hingezogen. Jeweils von mittags bis spät in die Nacht hinein.
Das alles klingt nach einem mittelgroßen Rockfestival und es gibt tatsächlich verblüffend viele Parallelen: Eine große Bühne, auf der gesungen und getanzt wird. Umjubelte Stars. Großbildleinwände, damit man auch aus einer gewissen Entfernung etwas erkennen kann. Mitklatschen und Hüpfen im Publikum, und die Älteren unter den Lesern erinnern sich vielleicht noch an Vuvuzelas. Es gibt T-Shirts zum Event und vereinzelt zelten Menschen in den Aufgängen. Und die hygienischen Zustände kommen einem leider auch irgendwie bekannt vor.
Ein paar gravierende Unterschiede kann ich aber doch feststellen: Die Veranstaltung kostet keinen Eintritt und die Verpflegung ist bezahlbar. Selbst der VIP-Zugang für die internationale Tribüne wird mir kostenfrei in Aussicht gestellt, ich lehne aber dankend ab. Von wegen vor Gott sind alle gleich. Aber egal, sollte es wirklich einen Gott geben, wird sie von so viel Euphorie sicher begeistert sein.

Gottesdienst im Accra Sports Stadium
Accra Sports Stadium
Silvester um 23:30

WEITERLESEN
Raus mit Applaus (9)
Das Wort zum Sonntag
Viel hilft viel
Ende gut alles gut

Raus mit Applaus (9)

Diesmal aus Accra, Ghana.

Mit einem Feuerwerk abseits der ganz großen Party, die findet nämlich im Auftrag des Herrn ganz woanders statt.

Silvesterfeuerwerk In Accra, Ghana
Sieht aus wie ein Parkplatz, ist aber der Black Star Square

WEITERLESEN
Was sonst noch so geschah
Raus mit Applaus (7)
Raus mit Applaus (4)
Raus mit Applaus (3)

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Shoppingerlebnis

Wem in Accra mal nach Gesellschaft ist, dem kann geholfen werden. Genau für solche Fälle empfiehlt sich ein Besuch des Makola Markets, eines der größten Märkte des Landes. Über mehrere Straßenzüge erstreckt sich das Spektakel drinnen wie draußen auf der Straße, auf dem Fußweg und in den Häusern über mehrere Etagen verteilt. Ein endloser Zug an Menschen, Waren und Fahrzeugen quält sich zentimeterweise durch die Straßen, quasi ein Rosenmontagsumzug in heiß und stickig.
Wer vorwärtskommen will, im schlimmsten Fall sogar zielgerichtet, der fühlt sich schnell wie bei einem Laufspielzug in der National Football League. Sobald sich auch nur die kleinste Lücke ergibt, gilt es diese sofort zu nutzen. Ansonsten drängelt sich jemand vor und jemand sind in dem Fall dann ungefähr 50 Leute. Zögern ist keine Option, am besten schwimmt man einfach mit der Menge mit. Einmal werde ich falsch abgebogen, wie zu Christoph Kolumbus' Zeiten finde ich dank des Sonnenstandes die Orientierung aber doch wieder. Wie man hier allen Ernstes Fahrzeuge auf die Menge loslassen kann, ist mir unbegreiflich. Das Wort Schritttempo ist hier definitiv falsch, wahrscheinlich geht es manchmal allein aufgrund der Plattentektonik voran. Und nein, entgegen anderslautender Meinungen hilft Hupen nicht. Kein bisschen. Es herrscht ein einziger Brei an Geräuschen in mehr als ausreichender Lautstärke.
Ich beobachte drei Touristinnen dabei, wie sie tatsächlich nach einem Shoppingerlebnis trachten und versuchen, sich länger an einem Schuhverkaufsstand festzuhalten. Keine Chance, sie geben auf und werden Richtung Kühlschränke weitergetrieben. Irgendwann keimt in mir der Wunsch auf, den Schauplatz zu verlassen. Da mir die Richtung im Zweifel völlig egal ist, folge ich einfach einer der Trägerinnen. Diese sind im Schnitt einen Kopf kleiner als ich und tragen auf ihren Kopf in der Regel ein Holzbrett, welches allein mir vermutlich schon zu schwer wäre. Weil aber hier niemand einfach nur Holzbretter kauft, sind darauf dann die eigentlichen Einkäufe gestapelt. Unmengen von Einkäufen. Da sie diese sicher schnellstmöglich zum Ausgangsort des Abtransports befördern will, hefte ich mich einfach an ihre Fersen. Und tatsächlich, es geht um ein paar Ecken, über enge Wege, unter ein paar Unterständen hindurch schnurstracks zu einem der Ausgänge. Den hätte ich alleine ohne größeren Zeitverlust niemals gefunden - da können sich die Casinos in Las Vegas noch eine Scheibe abschneiden.

Markola Market in Accra, Ghana
Die Innenansicht ...

Markola Market in Accra, Ghana
... und die Draufsicht mit subtilem Hinweis auf alternative Arbeitsmöglichkeiten.

WEITERLESEN
Mall was anderes
Der Supermarkt Südamerikas
Gähnende Leere
Genießen Sie die Fahrt in vollen Zügen!

Sonntag, 28. Dezember 2025

Boxenstopp

In Afrika läuft ohne Motorräder gar nichts. Schätzungsweise rund eine Million dieser Fahrzeuge gibt es allein in Ghana. Alles Erdenkliche wird damit transportiert von der kompletten Familie bis zur kompletten Ernte. Gerne auch mal der Verfasser dieses Berichts und hier in Accra natürlich auch Essen im Auftrag der unvermeidlichen Lieferdienste. Das Problem beginnt allerdings, wenn Menschen außerhalb der Öffnungszeiten von Tankstellen Hunger haben. Nicht weil das Essen von der Tanke kommt, sondern weil hier niemand grundlos volle Tanks spazieren fährt und stattdessen immer nur in die nächste Fahrt investiert wird.
An der Stelle kommt ein findiger Norweger ins Spiel, der hier ein Start-Up gegründet hat, welches sich genau diesem Problem widmet und dabei gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt. Zum einen setzt er auf Elektrofahrzeuge, auf lange Sicht auf jeden Fall eine kluge Investition. Die Zukunftsaussichten für Verbrenner sind schließlich vergleichbar mit denen für einen Dodo. Günstig werden die Mobile in Ghana entwickelt, gebaut und Dank kundenfreundlicher Kredite an den Verkehrsteilnehmer gebracht.
Das Beste kommt aber noch: Tankstellen für diese Gefährte sind im Stadtgebiet von Accra verstreut, mit Solarzellen bedacht und haben rund um die Uhr geöffnet. Es wird aber kein Essen aufgrund eines langen Ladevorgangs kalt, man lädt hier nämlich keinen Strom in die Batterien, sondern tauscht die Batterien einfach komplett aus. Zwei leere sind im Handumdrehen aus- und zwei vollgeladene eingebaut. Alles in allem dauert der Stopp laut gut unterrichteter Kreise nur rund eine halbe Minute. Das ist nur unwesentlich länger als einer bei den Profis beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Apps, Plastikkarten oder einen Tankwart braucht es nicht, ein einmal registrierter Akku wird von der Station erkannt, abgemeldet und das Ersatzgerät zugewiesen. So einfach kann das sein. Und im Ernstfall lassen sich mit diesen Batterien auch Elektrowerkzeuge betreiben oder die Zeit bis zum Ende des nächsten Stromausfalls überbrücken.

Kofa Station in Osu, Accra, Ghana
Keine Packstation - Hier wird Energie gelagert

WEITERLESEN
Was macht eigentlich Jean-Luc Picard?
Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahme
Molotow-Cocktail
Zwillingstürme

Freitag, 26. Dezember 2025

Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Außer das Päckchen, in meinem Falle mein großer Reiserucksack, taucht nicht auf dem Gepäckband auf. Nicht nach fünf, nicht nach zehn und auch nicht nach zwanzig Minuten. Dann stoppt das Band abrupt. Mist, von Gepäckverlust bin ich immer total gerne nicht betroffen. Zumindest der Anfangsverdacht steht hier aber mal im Raum. War es das? Ja, das war alles. Das ist jetzt nicht so optimal, auch wenn es schlimmer kommen könnte. Immerhin reise ich nicht sofort weiter, sondern bleibe ein paar Tage in der Stadt, die sich um den Flughafen herum entwickelt hat.
Diverse andere Passagiere stehen ebenfalls ratlos in der Gegend herum. Ob das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, weiß ich nicht. In Südafrika ist mein Hab und Gut mal samt diverser anderer Dinge in einem anderthalb Tonnen schweren Gepäckcontainer am Ausgangsflughafen vergessen worden. Die Airline hat das dann später zwar ins Haus geliefert, aber auch das wäre hier nur bedingt hilfreich - meine aktuelle Unterkunft hat nämlich keine Rezeption. Und ich habe keine Lust, den ganzen Tag in der Unterkunft zu warten, auch in Ghana gilt nämlich die West African International Time. Wer die Anfangsbuchstaben aneinanderreiht und einigermaßen des Englischen mächtig ist, der weiß Bescheid.
Inzwischen hat sich ein Offizieller zu uns gesellt. Um was für Gepäckstücke es sich denn handelt? Einen Rucksack. Der war nicht auf dem Band? Nein, und auch kein anderer Rucksack. Eigentlich habe ich ausschließlich Koffer im Kreis fahren gesehen. Ist das vielleicht Sperrgepäck? Auf keinen Fall. Sportausrüstung? Nur im wirklich allerweitesten Sinne. Zählt eine Hose, die ich vielleicht beim Besuch eines Boxkampfes anziehen werde, als Sportausrüstung? Jedenfalls wird so etwas immer per Hand durch einen separaten Eingang in die Halle gefahren. Dort zum Beispiel, ist der Rucksack da dabei? Nein. War es das? Ja, das war alles. Als ich mir schon überlege, ob ich für die paar Tage wirklich unbedingt Wechselklamotten und eine Waschtasche brauche, öffnet sich die Seitentür noch einmal und ein eifriger Mitarbeiter schiebt ein paar Sporttaschen und meinen Rucksack auf einem Gepäckwagen herein. Mit der Erkenntnis, dass also meine Hose, die ich vielleicht beim Besuch eines Boxkampfes anziehen werde, als Sportausrüstung zählt, verlasse ich den Ort des Geschehens.

Gepäckrucksack bei einer Afrikareise
Hat es doch nach Accra geschafft

WEITERLESEN
Schwerlasttransport
Reisen bildet
Fehlpass
Eiszeit

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Plan To go

Da die Temperaturen daheim in den Minusbereich gerutscht sind, brauche ich dringend einen Vorzeichenwechsel. Ich bin da zuversichtlich, was die kommenden Tage angeht.
Für dreieinhalb Wochen geht es durch drei Länder, diesmal ohne nennenswerte Zeitumstellung. Ich begebe mich auf die Spuren von Emmanuel Adebayor, Ike Quartey und Kofi Anan. Und denen von Elefanten und denen des berühmtesten Kaffees der Welt, dem Coffee Togo. Auf dem Programm stehen Nationalparks, Wasserfälle, Strände und der tägliche Wahnsinn in Afrikas Transportmitteln. Als Westafrika für Einsteiger wird die Gegend gerne bezeichnet, aber auch für Wiederholungstäter wird es mit ziemlicher Sicherheit nicht langweilig.
Und was wäre ein Afrika-Trip ohne gleichzeitig stattfindenden Afrika-Cup im Fußball? Allerdings haben es meine Gastgeber nicht auf die Teilnehmerliste geschafft. Ich bin gespannt ob der Anteilnahme der Einheimischen, zumindest ich werde das Turnier aber trotzdem intensiv verfolgen.

Plan für eine gut dreiwöchige Reise durch Ghana und Togo
Plan für eine gut dreiwöchige Reise durch Ghana und Togo

WEITERLESEN
Heiße Schokolade
Gestorben wird immer
Der Elefant im Raum
Shoppingerlebnis

Freitag, 24. Januar 2025

Jeder nur ein Foto

Unterwegs an einem beliebigen Abend in Cebu City. Mein aktuelles Fotoprojekt trägt den Titel Öffentlicher Personennahverkehr zur abendlichen Rush Hour. Ich habe es dabei auf die traditionellen Jeepneys abgesehen. Ab und zu ist Geduld gefragt, inzwischen gibt es neben den einstmals dominierenden Gefährten noch diverse neuere Transportformen, die um die Gunst der Mitfahrenden buhlen. Am großen Kreisverkehr mitten in der Stadt habe ich einen guten Standort ausgemacht. Abstand zum Objekt, freie Sicht und passender Hintergrund sind vorhanden.
Und dann nimmt das Drama seinen Lauf, denn leider bleiben meine Aktivitäten nicht im Verborgenen. Die Rede ist jetzt aber zum Glück nicht von den Spezialisten aus der Abteilung für spontane Wechsel von Besitzverhältnissen. Vielmehr geht es um die philippinische Begeisterung für Fotos und zwar in erster Linie von sich selbst. Ein paar bettelnde Kinder vergessen fast nach Münzen zu fragen und wollen stattdessen eigentlich lieber abgelichtet werden als sie meine Kamera sehen. Glücklicherweise müssen sie aus geschäftlichen Gründen schnell weiterziehen. Eine Familie startet einen schüchternen Posierversuch, man entscheidet sich dann aber doch für die Selfie-Variante. Zwischendurch kommt dann mal eines der Zielfahrzeuge durch den Kreisel gefahren, ich verfolge es mit der Kamera, da läuft mir ein grinsender Jugendlicher mit Victory-Zeichen ins Bild. Es ist nicht zu fassen. Hinter mir, in einem Schaufenster eines Möbelhauses, haben einige Mitarbeiter kurz vor Feierabend nicht mehr viel zu tun und versuchen meine Aufmerksamkeit zu erregen. Mehr als aggressives Desinteresse kann ich in diesem Fall aber leider nicht anbieten.
Ganz offensichtlich reicht es auf Seiten der Locals schon für Ekstase, sich auf einem Foto zu wissen. Dieses sehen oder gar haben ist dabei gar nicht so entscheidend. Anfragen bei passenderen Gelegenheiten bin ich aber selbstverständlich immer gerne nachgekommen und habe mich auf Wunsch auch immer um eine Zustellung des Ergebnisses bemüht.

Jeepney in Cebu City
Einmal haben sie nicht aufgepasst

WEITERLESEN
Foto oder kein Foto, das ist hier die Frage
Enge Kiste
Poser, Du bist ein
Waaanndudri

Mittwoch, 22. Januar 2025

Das sind doch nur Details

Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von Wenn Table Talk im Casino in die Hose geht. Heute aus dem Blue Sapphire Poker Club, Cebu City. Am Cash Game Tisch ist die Stimmung entspannt, der Wechselkurs zwischen Euro und Peso machts möglich. Ein Amerikaner meint, für ihn fühle sich das an wie Spielgeld.
Neben mir sitzt ein Israeli, er erzählt kurz, dass er auch reist und mit einem Landsmann unterwegs ist. Etwas später setzt sich ein Ortsansässiger mit Gesprächsbedarf zwischen uns. Das trifft nur auf mäßige Begeisterung, weil das doch entschieden vom geschäftlichen Teil der Veranstaltung ablenkt. Der Bedürftige initiiert ein Länderraten, drei Versuche hat er für ein Freibier, scheitert aber in beiden Fällen. Kurz darauf besprechen sich die beiden Israelis in ihrer Landessprache und der Rater haut noch einen raus: Jetzt weiß ich es, ihr seid Iraner.
Am Tisch kann man kurzzeitig sechs ganz große Augen sehen, spätestens jetzt achtet in der Ecke erstmal niemand mehr aufs Spielgeschehen. Die beiden gucken ziemlich sparsam, nehmen es aber dann doch erstaunlich sportlich und lassen ihn vor allem weiter im Dunkeln tappen. Später zolle ich einem der beiden unter vier Augen noch meinen Respekt für die nicht-Reaktion. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Aber als Poker-Spieler muss man so etwas wahrscheinlich einfach können.

Blue Sapphire Poker Club, Cebu City
Der Tatort

WEITERLESEN
Neulich am Eisstand
SJ Kim, der VFL Amsterdam und zwei grundverschiedene Toiletten
Feindliche Übernahme
What happens in Vegas stays in Vegas

Dienstag, 21. Januar 2025

Helene Fischer darf niemals siegen

Es gibt sie noch, die kleinen Läden, in denen der Punk abgeht. Ohne dass sie inzwischen einfach weggeSTARBUCKSt worden sind. In Cebu City machen sie das ganz geschickt, der Schuppen ist als Restaurant getarnt. Wenn keine Show ansteht, werden Speisen und Getränke gereicht. Die Bewertungen hierfür sind maximal unauffällig, bisher ist keine der Weltmarken aufmerksam geworden.
Wie es ist, wenn Live-Musik auf dem Programm steht, habe ich am Wochenende erleben dürfen. Tische und Stühle raus, aus strategischen Gründen bleibt einzig der Tresen an Ort und Stelle. Ungefähr 100 Quadratmeter sind dadurch freigeworden, Platz genug für Technik, geschätzte 150 Leute plus Band in einer Ecke. Das ultimative Wohnzimmerkonzert. Eigentlich handelt es sich um ungefähr 20 Konzerte, ein jährlich ausgetragenes Festival feiert 30-jähriges Bestehen. Zwischen 18:00 und 02:00 Uhr stehen über 20 Bands aus dem Bereich Punk und Hardcore auf der Bühne in der Ecke. Umgebaut wird binnen weniger Minuten, das Schlagzeug wird von allen gemeinsam genutzt, Gitarre und Bass werden ganz schnell ab- und angestöpselt. Der sonst gerne hermetisch abgeschirmte Backstage-Bereich ist auf den Freisitz verlagert worden, gemeinsam mit Merchandise, Catering und Ticketverkauf. Im Restaurant herrschen um die 25° C - bevor es losgeht. Dieser Wert wird aber ganz schnell pulverisiert, pro Mensch im Raum steigt die Temperatur um ungefähr ein halbes Grad. Dementsprechend trinkt man einen halben Liter um einen ganzen sofort wieder auszuschwitzen. Selbst wenn man sich von Circle Pits und ähnlichen Aktivitäten fernhält. Aber nicht alle können sich so zurückhalten, im Publikum ist Krawall und Remmidemmi und die Bands müssen immer mal wieder um Abstand bitten. Solche Ansagen sind aber völlig für die Katz, die Zuhörer halten sich für ungefähr eine halbe Minute daran, danach werden die Menschen wieder neu gemischt.
In den kurzen Pausen wird der Fußweg an der Hauptstraße geflutet und alle sind dankbar für die kurze Abkühlung. Doch sobald von drinnen die ersten Töne zu vernehmen sind, strömt die Menge zurück in die Sauna. Bleichgesichter - ich zähle vier - sind gern gesehene Gesprächspartner, ansonsten kennt man sich in der Szene. Vor allem kommt immer wieder die Frage, wie man denn auf das Event aufmerksam geworden ist. Was soll ich sagen, so etwas taucht natürlich nicht in den offiziellen Veranstaltungskalendern auf. Aber Google hat wahrscheinlich lange vor den Veranstaltern selbst davon gewusst.

The Annual Show Cebu City
Wer findet die Band?

WEITERLESEN
Das Internet vergisst nie
Ganz großes Kino
Schnipseljagd
Reisebericht Wellington - Die liebenswerteste kleine Hauptstadt weltweit